Abendglück

Jeden Abend bevor ich schlafen gehe
stehe ich noch an Deinem Bett
und lausche auf Deinen ruhigen Atem,
streichle Dir einmal sanft
über Dein blondes Haar
und flüstere still: Schlaf schön,
bis morgen früh, mein Sohn.

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Gefahr der Lügen

Bevor die totalitären Bewegungen die Macht haben, die Welt wirklich auf das Prokrustesbett* ihrer Doktrinen zu schnallen, beschwören sie eine konsequente Lügenwelt herauf, die den Bedürfnissen des menschlichen Gemüts besser entspricht als die Wirklichkeit selbst.

aus: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Hannah Arendt

 

*starres Schema oder Zwangslage, in das etwas/jemand gewaltsam hineingezwängt wird/werden soll

Tag der Tränen

Tag der Tränen. Ich bin darin versunken.
Unser Leben geht weiter.
Und Du bist nicht mehr dabei.
Ich weiß, es gibt kein „zu früh“ –
es fühlt sich höchstens danach an.
Ich mag nicht bestimmen wollen,
wann etwas zeitlich passend sein soll.
Das Leben geht weiter.
Du bist nicht mehr dabei.
Keine neuen Erinnerungen mehr.
Ich wachse, werde alt und älter,
hoffentlich weiser, hoffentlich sinnvoller.
Und Du, du bleibst, bleibst einfach stehen,
liegen. Bleibst einfach und wirst ein Bild.
Ich bin so tief, tief, tief berührt.
Salzig, nicht bitter. Tränenmeer, nicht Flut.
Unbegreifliches.
Ich kann nicht ganz aufhören zu weinen. Immer wieder Tränen.

L’inverno è passato

Der Winter ist vergangen, obwohl er noch nicht richtig angefangen hatte. Zumindest nicht bei uns. Jetzt springen rotbraune Eichhörnchen zwischen Balkon und Geäst hin und her und Amseln picken aus den verwaisten Balkonkästen, was die Eichhörnchen wohl vor ein paar Monaten vergraben haben mögen. Milchige Herbstsonne dringt durch den sanften, weißen Wolkenschleier. Die Schatten der kahlen Bäume auf der grünen Wiese sind lang. Der Winter ist vergangen, der Frühling noch nicht da. Aber erahnen kann man ihn. Wie singen die Vögel so schön!

Hallo Wittgenstein.

Hallo Denker. Ich habe so viele Sätze aus Deinem Tractatus logico-philosophicus für so durchdacht und wunderbar gehalten. Besondern den einen, Du erinnerst Dich? „Die Grenzen meiner Sprache sind nicht die Grenzen meiner Welt.“ Ja, dachte ich mir, Ja! Genau! Deshalb ist Sprache so wichtig, so sehr mein Element! Weil meine Welt ohne sie einfach zu klein wäre! Dachte ich mir. Und darum interessierte ich mich für Sprachen – für meine und die alten Sprachen, die man nicht mehr spricht, für Sprachstrukturen, für die Grenzen der Sprache. Und ich spazierte lange an den Grenzen… Und während ich sie im Ausdruck nicht überwinden konnte, gelang es meinem Denken schließlich doch: Ich kann weiter denken als bis zu den Grenzen meiner Sprachen! Während meine Sprache mir Grenzen setzt, die Grammatik mir ein Korsett gebaut hat und alle Umschreibungen ein bisschen absurd und komplex klingen und ich nicht mehr in der Lage bin, klar zu formulieren, was ich meine, hüpfen meine Gedanken über meine Worte und mein Kopf weiß mehr als mein Mund.